Thomas Kossendey

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Thomas Kossendey
KUHPOL - Ein Denkmal für die Kuh
Grußwort von Thomas Kossendey
zur Eröffnung der
Ausstellung "KUHPOL - ein Denkmal für die Kuh"
im Landesmuseum für Natur und Mensch Oldenburg
Freitag, 21. Juli 2006


Es freut mich sehr, am heutigen Abend das Grußwort für die Eröffnung einer Ausstellung zu halten, die sowohl von der Intention als auch von der Namensgebung her ihresgleichen sucht: KUHPOL möchte – wie der Name der Ausstellung verdeutlicht – den Kühen in Niedersachen ein Denkmal setzen und damit die wichtige Rolle unterstreichen, die die Milchwirtschaft in Niedersachsen spielt.

Hierfür wurden zahlreiche Künstler und Architekten aufgefordert, ihren Ideen und Phantasien freien Lauf zu lassen und Vorschläge zur Schaffung eines Gebäudes zu unterbreiten, das auf der einen Seite Denkmal, auf der anderen Seite Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Lehrstätte zugleich sein sollte. Die Künstler und Architekten hatten dabei kaum Vorgaben, da Raum und Umgebung der zu errichtenden Erlebnisstätte noch nicht feststehen, sondern erst im Anschluss an diese Ausstellung Sponsoren und Partner in den Milchregionen gewonnen werden und ein Standort festgelegt werden sollen.

Von insgesamt 200 Vorschlägen sind die besten 30 hier nun zu bewundern. Wenn mein besonderer Glückwunsch auch den Preisträgern gilt, so möchte ich doch allen, die es soweit geschafft haben, meine Anerkennung für die so vielseitigen und ideenreichen Umsetzungskonzepte der Maßgabe „alles Rund um die Kuh und Ihre Produkte“ aussprechen. „Phantasie und Utopie“ kamen hier wahrlich nicht zu kurz!

Als Kurator Klaus Groh mich ansprach, habe ich zunächst gestutzt – sicher wie viele andere auch: Kuhpol – was soll uns das sagen?

Wir kennen zwar den Nordpol, kennen den Südpol, wir kennen Interpol, einverstanden, aber Kuhpol? In seiner ruhigen pädagogisch sachlichen Art hat mir Klaus Groh dann erklärt, was mit „Kuhpol“ gemeint ist. Ein prima Gedanke – ein Kristallisationspunkt für die Kuh und ihre Produkte mitten im Zentrum der Norddeutschen Milchwirtschaft!

Niedersachsen - Das Milchland Nr. 1

Niedersachsen gilt bei meinen Kolleginnen und Kollegen und darüber hinaus bei vielen Fachleuten als das Milchland Nr. 1 in Deutschland. Gerade wir, die wir in dem Grünen Gürtel zwischen dem Emsland über das Ammerland und die Wesermarsch inklusive Oldenburg bis hin nach Stade wohnen, wissen das natürlich – aber wie viele wissen das noch und wer weiß wirklich, worum es da geht?

Unsere Heimat ist von der Milchwirtschaft geprägt – das ist offenkundig (dabei muss man nicht an den Unfall mit dem Sahne-LKW denken, der vor einigen Tagen um Oldenburg herum einen riesigen Verkehrsstau stundenlang ausgelöst hat). Allerdings ist diese Milchwirtschaft von einem Strukturwandel geprägt, den viele Kunden und Verbraucher so nicht mitbekommen: 1995 hatten wir in Niedersachsen noch 30.000 Milchwirtschaftsbetriebe, im vergangenen Jahr ist diese Zahl auf unter 15.000 geschrumpft. Jährlich verlieren wir 3 % bis 5 % unserer Milchwirtschaftsbetriebe, obwohl die Produktion mit über 5 Mio. Tonnen gleich bleibt. Immer weniger Betriebe müssen also immer mehr erwirtschaften.

Vor 10 Jahren hatte ein durchschnittlicher Milchbetrieb in Niedersachsen 29 Tiere, heute sind es 48 Tiere, Zahlen, die man wissen sollte, wenn man über Milchwirtschaft in Niedersachsen spricht. Da verwundert es nicht, wenn die Milchbauern auf immer neue Ideen kommen, wie man die Kühe zu Höchstleistungen antreiben kann: Lange Zeit galt es als Geheimrezept, in der Ställen während des Melkens Mozartmelodien zu spielen, um die Kühe zu einer hohen Milchleistung anzureizen! Heute haben wir von Wissenschaftlern attestiert bekommen, dass die Mozartmusik eigentlich kaum Auswirkungen auf die Kühe hat, sondern vielmehr auf die Melker: Die Musik beruhigt und lässt sorgfältiger, intensiver und damit ergiebiger melken! – Schön, dass es diese Art von Wissenschaft gibt, die uns diese Gewissheit gibt!

Vielen Menschen in unseren Großstädten muss man heute erklären, dass Kühe eben nicht „lila“ sind und wo die Milch wirklich herkommt. Die Beziehung zwischen dem Erzeuger unserer Lebensmittel und dem Verbraucher ist für viele Menschen nahezu undurchsichtig geworden und der Wert der Landwirtschaft wird in dem Maße geringer geschätzt, wie den Menschen nicht mehr deutlich wird, wo die Produkte eigentlich ihren Ursprung haben. Während früher Nahrungsmittel hart erarbeitet werden mussten und der Respekt vor dem Brot, das Gott uns täglich geben sollte – wir beten darum – leben wir heute, was die Nahrungsmittel angeht, in einer Überflussgesellschaft. Wirklichen Hunger braucht bei uns niemand mehr leiden und Lebensmittel werden häufig unter dem Entstehungswert in Discountläden verramscht. Die hohe Wertschätzung und die kulturelle Bedeutung des Lebensmittels, sagt Karl Osmers zur Recht, geht dadurch verloren.

Kurzum: Niedersachsen und Kühe sind eine fruchtbare Verbindung eingegangen. Von „frischli“ über „Turmsahne“ zur „Nordmilch“, von der Gewerkschaft NGG über den Landwirt bis zum Fahrer des Futters wird immer wieder deutlich, dass Kühe für uns einen größeren Wert haben, als nur Milch und Fleisch zu liefern, sie sind strukturprägend für unsere Heimat.

Was lag also näher, als diesen bedeutenden Umstand ein Denkmal zu widmen!
Denkmal im wahrsten Sinne des Wortes, denn hier sollte der Entwurf für eine Einrichtung geschaffen werden, in der über alles rund um die Milch und rund um die Kühe den Menschen nahe gebracht werden soll.

Heute sind wir nicht etwa am Ende des Weges zu diesem Denkmal, sondern wir haben lediglich eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Realisierung dieses Projektes hinter uns gebracht. Und ich befürchte, es wird noch ein sehr langer Weg werden, bis einer der Entwürfe, die wir heute hier im Hause bewundern können, in die Realität umgesetzt werden wird. Aber – was schadet das schon, kennen wir doch das alte Sprichwort der Milchbauern, wenn sie sich über den Umgang mit der Bürokratie beschweren: Da heißt es dann lapidar: Willst du Butter von der Behörde, schickt Milch auf dem Dienstweg! Das wollen wir heute tun- und nicht zu wenig!

Natürlich stehen heute im Mittelpunkt die Gewinner des Wettbewerbes, aber wir sollten nicht verschweigen, dass weit über 200 Einsender sich an diesem Wettbewerb beteiligt haben und es soll auch nicht verheimlicht werden, dass die Mehrzahl davon nicht aus Niedersachsen kommt. Das zeigt, dass Milch und Kuh weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus eine Faszination ausüben.

Kühe als Sinnbild für Stärke und Fruchtbarkeit

„Kühe“ – oder besser: Rinder – spielen heute und spielten in der Vergangenheit  eine wichtige Rolle in Kunst und Kultur sowie in verschiedenen Religionen, in denen sie Sinnbild sind für Stärke auf der einen, Fruchtbarkeit auf der anderen Seite:
 
- Die alten Ägypter sahen den Himmel als Nahrungsspendende Kuh, die mit vier Beinen auf der Erde stand.

- In vielen Weidewirtschaftlichen und nomadisch geprägten Kulturen galt (und gilt teils bis heute) die Kuh als Statussymbol und Gradmesser des Vermögens.

- In Indien wird die Kuh bis heute als heiliges Tier verehrt; vor allem Krishna, die Inkarnation des Gottes Vishnu, wuchs der Legende nach unter Kuhhirten auf und wird bis heute häufig mit Kühen dargestellt.


Am wohl bekanntesten sind die alten griechischen Mythen und Sagen, in denen Rinder eine Rolle spielten, jeder der ein altsprachliches Gymnasium besucht hat, weiß davon ein Lied zu singen!

- Der Minotaurus war halb Mensch, halb Stier.

- Zeus verwandelt sich in einen Stier, um Europa zu entführen und zu seiner Geliebten zu machen.

- Hera, die Frau und Schwester des Zeus, wird bei Homer als „kuhäugige“ beschrieben (boopis = rindsäugig), was zum einen auf die Art ihres Blickes (boopis übersetzt als „großäugig“, „majestätischer Blick“  oder stark hervorquellenden Augen, die als Schönheit galten), zum anderen auch auf ihre Funktion als Hüterin der Herden zurückgeführt wird.

Wenn ich heute einer jungen Frau als Kompliment den Satz :“Sie sind aber wunderbar kuhäugig“ zuflüstern würde, hätte ich vermutlich bald einen „Satz blaue Augen!“

Der römische Dichter Ovid hat in seiner Liebeskunst – einem damals sehr fortschrittlichen Werk – einen schneeweißen Stier erwähnt, und das in einer wunderbaren griechischen Versform:

„In den schattigen Tälern des laubbewaldeten Ida
War ein schneeiger Stier, Stolz und Zierde der Herde,
In der Mitt´ des Gehörns gezeichnet mit winzigem Schwarzfleck,
Dies das einzige Mal, alles sonst weiß wie die Milch.“

-     Wenn wir an den Evangelisten Lukas denken, wissen wir, dass er eigentlich in allen Abbildungen immer mit seinem Wappentier, dem Stier gezeigt wird.

-     Bei den Indern gilt: Je bunter ein Tier geschmückt ist, umso sicherer ist es wahrscheinlich eine Kuh!

-     Bei den Bantus hat man die Kühe tätowiert, genarbt und gepierct! Sie waren gewissermaßen Trendsetter, wenn man sich unter der Jugend in den Städten unseres Landes umschaut!

-    Wir in Norddeutschland kennen natürlich Klaus Störtebecker, der Ende des 14. Jahrhunderts die Nord- und Ostsee mit seiner „Bunten Kuh“, dem gefürchteten Piratenschiff, unsicher gemacht hat.

-    Die Felszeichnungen von Lascaux zeigen als erstes Tier, vor tausenden von Jahren bildlich dargestellt, den Stier und die Rinder.

-     Aus Süddeutschland ist uns der Pfingstochse bekannt. Die Verehrung von Rindern geht hier weit zurück. So wurde in Bayern eine 6000 Jahre alte Stierplastik gefunden, deren Rücken ein Kelch formt.

Diese und zahlreiche andere Motive, die mit Rindern in Verbindung stehen, wurden hundertfach in der antiken und mittelalterlichen Kunst wiedergegeben. Und auch in der Neuzeit taucht das Rind als Motiv immer wieder auf – wer kennt beispielsweise nicht  „Die gelbe Kuh“ von Franz Marc (1880-1916; 1911) oder die berühmten Stierdarstellungen und –zeichnungen von Pablo Picasso?

Es scheint also wirklich wahr zu sein: “Kühe, die zarteste Vesuchung, seit es Künstler gibt!“

Interessante und fantasievolle Wettbewerbsbeiträge

Dies alles, von Peter Cornelius bis Pablo Picasso, stand sicher den Wettbewerbsteilnehmerinnen und -teilnehmern vor Augen, als sie ihre Entwürfe fertigten. Ich habe der Jury nicht angehört, aber ich kann mir lebhaft vorstellen, wie schwer diese Aufgabe gewesen sein muss bei so vielen interessanten und fantasievollen Arbeiten, sich für drei entscheiden zu müssen.

Neben den Preisträgern, die wir heute zu Recht ehren: habe ich mir aber auch die anderen Exponate noch einmal angeschaut und finde einige doch sehr bemerkenswert: Den Entwurf von Weiß-Illing/Schreiter unter dem Namen „Blubb“ finde ich ästhetisch sehr schön gelungen. Er erinnert mich sogar entfernt an die Kuppel von Norman Foster auf unserem Reichstagsgebäude in Berlin – wie schöne wäre es, wenn wir dort mehr Milch der frommen Denkart hätten!

Bei Melk3 (Nauvertat/Dogamathi-Grimm) hat mich das bewegende Element des Milchtropfens, der in Zeitlupenaufnahmen projiziert werden soll, besonders nachdenklich gemacht. Alle sechs Sekunden ein Tropfen, der für 1.000 Liter im selben Moment in Niedersachsen produzierte Milch steht – auch das eine Möglichkeit, Menschen zum Nachdenken über den Weg der Milch von der Kuh bis in die Sahne, bis in die Milch, bis in die Schokolade, bis in den Käse deutlicher zu machen.
Den Entwurf von Leiendecker/Fox/Geldmacher/Mandel unter dem Titel „Voll Pause Milch!“ finde ich „voll cool“. Das Riesenmilchglas mit dem die Farbe wechselnden Strohhalm könnte ich mir sehr gut als Denkmal vorstellen.

So unterschiedlich die Entwürfe, so unterschiedlich auch der Weg der einzelnen Künstler zu dem Wettbewerbsgegenstand: Konu Danin gibt offen zu, kuhfern aufgewachsen zu sein, während Volker Franke in seinen biographischen Anmerkungen sich erinnert, 1970 vor der ersten Kuh, die er gesehen hat, weggelaufen zu sein. Martina Wulf–Junge aus Bad Oldesloh gibt freimütig zu, zwischen Kühen aufgewachsen zu sein, andere Künstler machen keine Angabe über ihre Beziehung zur Kuh und zur Milch.

Bernhard Brackenhoff hat mich mit seinem Entwurf zurück in die Kindheit geführt.  Er schreibt zu seinem Modell: „Milchholen – die Fliehkraft entdecken – die alte Aluminiummilchkanne um mich selbstdrehend schleudern – staunend, dass die Milch verharrt!“ Genau das ist ein Erlebnis aus meiner Kindheit, hier schräg gegenüber beim Milchladen Hache, als ich von den Eltern geschickt, einen Liter Milch in die Alukanne abzapfen lassen musste. Damals kostete sie zwischen 38 und 42 Pfennig pro Liter. Wie oft haben wir die Fliehkraft ausprobiert und sind doch manchmal gescheitert.

Lassen Sie mich zurückkommen zum tieferen Sinn dieses Wettbewerbs: Neben all der kulturellen, architektonischen, wirtschaftlichen und teils auch biologischen Betrachtung des Themas „Kuh“ sollten wir eines nicht vergessen: Kuh und Milch sind eine wichtige Basis für ein genussvolles und gesundes Leben! Diese Zusammenhänge deutlich zu machen wird dieser Wettbewerb helfen!

So freue ich mich mit Ihnen gemeinsam auf diese Ausstellung und wünsche den Veranstaltern für die nächste Phase der Realisierung dieses großartigen Projektes allen erdenklichen Erfolg!

Lassen Sie mich schließen mit einem Gedicht von Heinz Erhardt:

Die Kuh

Auf der saftig grünen Wiese
weidet ausgerechnet diese
eine Kuh,
eine Kuh.

Ach, ihr Herz ist voller Sehnen,
und im Auge schimmern Tränen
ab und zu,
ab und zu.

Was ihr schmeckte, wiederkautse
mit der Schnauze, dann verdautse
und macht muh,
und macht muh.

Träumend und das Maul bewegend
schautse dämlich in die Gegend,
grad wie du,
grad wie du.