Thomas Kossendey

Der Mann, der Ihr Vertrauen verdient!

Thomas Kossendey
Das Ammerland braucht seine Landwirte
Ansprache
zur Freisprechung junger Landwirte und Hauswirtschafterinnen
im „Ohrweger Krug“, 5. November 2005


Zur heutigen Freisprechungsfeier für die Absolventen in landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Berufen bin ich gerne gekommen, um zu gratulieren! Meine guten Wünsche gelten insbesondere den jungen Damen und Herren, die heute ein Zeugnis für ihre nachgewiesene Leistungen erhalten werden.

Neben diesen Glückwünschen möchte ich ein ganz herzliches Dankeschön sagen an die Ausbilder in den Betrieben, an die Lehrer in den Schulen, an die Angehörigen in den Familien und alle diejenigen, die den Auszubildenden in den vergangenen Jahren hilfreich zur Seite gestanden haben. Das ist in der heutigen Gesellschaft nicht selbstverständlich, deshalb auch Ihnen ein herzliches Dankeschön.

Ich bin heute gerne zu Ihnen gekommen, denn mein Leben in unserem Dorf Kleefeld ist in vielfältiger Art und Weise mit der Ammerländer Landwirtschaft verbunden. Jedes Mal, wenn ich von einer hektischen Sitzungswoche aus der Großstadt Berlin ins Ammerland nach Kleefeld zurückkomme, weiß ich die Wichtigkeit und die Bedeutung eines menschlich und ökologisch intakten Umfeldes immer wieder aufs Neue zu schätzen. Daran haben viele von Ihnen persönlich und darüber hinaus die vielen landwirtschaftlichen Betriebe bei uns im Ammerland einen wichtigen Anteil gehabt, und auch dafür gebührt Ihnen ein herzliches Dankeschön.

Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, kommt nicht so schnell auf die Idee, dass Landwirtschaft in Berlin oder anderswo ein ganz besonders wichtiges Thema ist. Häufig genug können wir aus dem ländlichen Raum mit Sorge nur betrachten, dass Landwirtschaft und alles, was damit zusammenhängt, als Nebensache betrachtet wird. Das gilt nicht selten auch für die Kollegen aus dem Bundestag, die aus einem städtischen Umfeld kommen: Für sie scheint Landwirtschaft ein auslaufender Posten zu sein. Selbst bei den Lebensmitteln denkt kaum noch einer an die Bauern: Die einen kaufen sie bei ALDI und LIDL, und wer es sich leisten kann, geht zum Delikatessengeschäft in der Stadt oder in die 6. Etage des KDW in Berlin! Nur: Die Verbindung zu einer gesunden und intakten Landwirtschaft wird selten genug gesehen. Und so verlieren wir Stück für Stück das Gefühl dafür, dass eine gedeihliche Zukunft ohne innovative und dynamische Landwirtschaft undenkbar wäre. Diesen Trend können wir auch im Ammerland feststellen.

Wie ist denn nun die wirkliche Lage?

Mit Sorge müssen wir feststellen, dass die heutige Situation der Landwirtschaft geprägt wird vom anhaltenden Strukturwandel mit dem daraus resultierenden Höfesterben, einem Vertrauensschwund der Verbraucher in Bezug auf gesundheitlich einwandfreie Nahrungsmittel, aber auch durch eine mehr emotionale als sachgerechte Diskussion um Tierkrankheiten, wie in diesen Tagen etwa um die Vogelgrippe.

Als ob das nicht genug wäre: Kriminelle Machenschaften im vor- und nachgelagerten Bereich tragen nicht zur Stärkung des Vertrauens in die landwirtschaftlichen Produkte bei. Das können wir ganz aktuell an dem Fall eines südoldenburger Geflügelfleischhändlers wieder feststellen, der ganz massiv auch zu finanziellen Einbußen in der Landwirtschaft beigetragen hat. So ist in den letzten Wochen der Verkauf an Geflügelfleisch um 10 Prozent zurückgegangen. An die BSE-Krise will ich gar nicht erinnern.

Dazu kommt noch ein speziell deutsches Phänomen: Wir haben irrationale Angst, die auch noch von den Medien geschürt wird. Während Deutsche im Urlaub frohen Mutes an jeder Döner-Bude oder an jedem Gyros-Stand im Ausland ihr Fleisch essen und sich keine Gedanken darüber machen, wo das Fleisch vielleicht herkommen könnte, halten sie es zu Hause ganz anders: Am liebsten würden sie jeden Fleischer nach dem Namen der Kuh fragen, die das Fleisch für ihren Mittagstisch geliefert hat!

Dazu kommt dann noch – als ob das alles noch nicht genug wäre – eine überbordende Bürokratie, die sowohl auf nationaler wie auf europäischer Ebene die Landwirte in all ihren Handlungsweisen immer mehr reglementiert, oder besser gesagt: stranguliert. Ja, häufig hat man den Eindruck, dass es in Brüssel und Berlin Beamte gibt, die nachts im Schlaf schweißgebadet hochschrecken, wenn ihnen ein landwirtschaftlicher Sachverhalt einfällt, der noch nicht bürokratisch geregelt ist! Wenn ein Ammerländer Landwirt fast genau so viel Stunden am Schreibtisch verbringt, wie er im Stall oder auf dem Feld arbeitet, dann ist etwas faul!

Gerade in diesen Tagen wird bei den Koalitionsverhandlungen über eine mögliche große Koalition auch das Thema „Landwirtschaft“ in den Arbeitsgruppen eine wichtige Rolle spielen. Die Erwartungen aller Beteiligten sind sehr groß, dass aus diesen Beratungen ein Konzept entsteht, dass für die Zukunft der Landwirtschaft auch bei uns im Ammerland Perspektiven aufweist!

Wie soll es weitergehen?

Nun bin ich kein geborener Landwirtschaftspolitiker, und viele von Ihnen wissen, dass der Schwerpunkt meiner Tätigkeit im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich liegt. Dennoch habe ich als Ammerländer Abgeordneter durch vielfältige Kontakte und Informationsgespräche und Besuche auf den Höfen ein ziemlich gutes Bild der Situation der Landwirtschaft in unserer Heimat gewonnen. Davon ausgehend möchte ich Ihnen einige Gedanken aus meiner Sicht zur Landwirtschaft im Ammerland vortragen:

Wichtig ist mir, dass angesichts der aktuellen Probleme auf dem Arbeitsmarkt die wirtschaftliche Bedeutung der Land- und Ernährungswirtschaft mit den vor- und nachgelagerten Bereichen wieder in den Mittelpunkt der Agrarpolitik gerückt werden muss. Als mittelständisch strukturierter Wirtschaftszweig sichern die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die vor- und nachgelagerten Bereiche mehr als 4 Millionen Arbeitsplätze und erbringen rund 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Diese beeindruckenden Daten werden wir aber in Zukunft nur halten können, wenn es uns gelingt, unsere Betriebe im europäischen Wettbewerb so fit zu machen, dass sie mithalten können. Dazu gehört auch, dass die Politik aufhört, diesen Betrieben permanent einseitige Belastungen aufzubürden.

Wir brauchen anstelle des Misstrauens eine verlässliche Partnerschaft von Politik und Landwirtschaft! Kurz: Wir brauchen eine neue Basis für eine vertrauensbegründende Politik! Einige – längst nicht alle – Elemente einer solchen neuen Politik müssen sein:

1. Eine Eins-zu-eins Umsetzung aller EU-Regelungen in nationales Recht. Dies ist meine zentrale Forderung, an der künftig jede EU-Umsetzung zu messen ist. Dies trifft auf die Umsetzung von Tierhaltungsrichtlinien genau so zu wie auf den Pflanzenschutzbereich oder bei der Grünen Gentechnik.
Natürlich sollen höhere Standards dort, wo sie notwendig sind, auch eingesetzt werden – jedoch dann für alle in der EU im gleichen Maße!

2. Wettbewerb innerhalb der EU kann nicht funktionieren, wenn maßgebliche Steuersätze wie beim Agrardiesel derart unterschiedlich sind. Wir brauchen eine Harmonisierung auf europäischem Niveau. Ob uns das gelingt angesichts der Kassensituation, in der wir uns im Augenblick befinden, kann ich noch nicht sagen; wir arbeiten aber daran!

3. Mit dem vielfach angekündigten Bürokratieabbau müssen wir ernst machen. Ich halte es für dramatisch, wenn die Antragsunterlagen für die zukünftigen Prämien 70 Seiten ausmachen oder die Begleitbroschüre des Ministeriums zur GAP-Reform den Landwirten auf über 150 Seiten erklären muss, was sie zu beachten haben. Mit unserer aufgeblähten Bürokratie werden wir im europäischen Wettbewerb schnell ans Ende der Tabelle gelangen. Denn nicht immer ist es so, dass die Großen die Kleinen fressen – häufig ist es auch so, dass die Langsameren von den Schnellen geschluckt werden.

4. Wichtige Themen bei den aktuellen Koalitionsverhandlungen sind die Gesundheitspolitik und die Rentenpolitik. Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass die Sozialsysteme im Bereich Landwirtschaft nicht nur durch den demografischen Wandel, sondern auch durch den beschleunigten Strukturwandel besonders betroffen sind. Hier müssen wir darauf achten, dass die Agrarsysteme ohne einseitige Sonderbelastung für die Landwirtsfamilien in die Gesamtreform für die Sozialsysteme einbezogen werden.

Geradlinig, rebellisch und mit gesundem Menschenverstand

Am 11. November sollen die Verhandlungen zu Ende geführt sein, und ich hoffe, dass einige der Punkte, die ich genannt habe, dort aufgenommen worden sind. Hoffentlich wird der neue Landwirtschaftsminister Seehofer dann eine Grundlage für seine Arbeit bekommen, die für die Landwirte in Deutschland wieder eine Zukunftsperspektive verheißt – mehr als das in den letzten Jahren der Fall war!

Als der Name „Seehofer“ in Zusammenhang mit dem Landwirtschaftsministerium zum ersten Mal fiel, haben viele sich sicher gewundert und sich gefragt, was hat der denn mit Landwirtschaft zu tun? Nun, Horst Seehofer ist ein gradliniger Mann mit gesundem Menschenverstand, der ab zu auch einmal etwas rebellisch reagieren kann – das sind doch drei Eigenschaften, die ich in Zusammenhang mit Landwirten durchaus auch häufig selbst erlebt habe! Dazu hat Horst Seehofer einen unbestechlichen Blick für Gerechtigkeit – auch das kann für unsere Landwirte im Ammerland nur gut sein! Und wen das alles nicht überzeugt, der sollte Horst Seehofer mit seiner Vorgängerin vergleichen, um dann zu überlegen, welche Alternative für die Landwirte im Ammerland die bessere ist!

Neben den aktuellen Aktivitäten in Berlin sollten wir allerdings einige Rahmendaten nicht aus dem Blick verlieren: Die Zukunft unserer Landwirtschaft wird auch davon abhängen, welches Bild die Bevölkerung und insbesondere der Verbraucher von der Landwirtschaft bei uns hat. Hier können wir alle prägend mitwirken – unabhängig davon, ob wir in der Politik oder in der Landwirtschaft tätig sind.

Ehrlich gesagt: Mir ist das Bild der Landwirtschaft, das in der Bevölkerung – insbesondere im städtischen Bereich – noch vorherrscht, viel zu sehr von der Vergangenheit geprägt und hat relativ wenig mit der tatsächlichen, rationellen und wirtschaftlichen Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte zu tun. Viel zu wenig wissen die Menschen aus der Stadt von dem, was auf dem Lande wirklich passiert; kaum ein Kind aus dem städtischen Umfeld wird während der Schulzeit je einen Bauernhof besichtigen, um sich über den Tagesablauf dort zu informieren oder Berufschancen zu erkunden. Diese Unkenntnis ist aber nicht nur auf Kinder beschränkt; sie führt häufig dazu, dass Landwirtschaftspolitik und Politik für den ländlichen Raum einseitig als Lobbypolitik für eine bestimmte Berufgruppe diffamiert wird.

Dabei ist Politik für unsere Landwirte nur ein wichtiger, ich möchte sagen, der wichtigste Bestandteil einer Politik für den ländlichen Raum! Wenn unser Ammerland so attraktiv bleiben soll wie heute, dann brauchen wir dazu eine Landwirtschaftspolitik, die ergänzt wird durch eine kluge Kommunalpolitik, eine vorausschauende Wirtschaftspolitik und eine nachhaltige Umwelt- und Verbraucherpolitik. Dazu gehört auch, dass wir im Tourismusbereich die Weichen richtig stellen. Der Landkreis Ammerland ist dazu auf einem guten Wege – nicht zuletzt dank der Initiativen und Bemühungen unseres Landrates Jörg Bensberg.

Sich einmischen statt abwarten!

Diese Bündelung, die alle Interessen gerecht berücksichtigt, ist wichtig, wenn wir das Ammerland als starken, leistungsfähigen, wettbewerbsorientierten und innovativen Agrarstandort erhalten wollen. Warten Sie aber bitte nicht tatenlos ab, was Politik und Verwaltung aus dieser Aufgabe machen. Wirken Sie mit, mischen Sie sich ein! Mitwirken kann aber nur derjenige, der gut informiert ist, deswegen rufe ich Ihnen zu: Vertrauen Sie nicht darauf, dass das, was Sie in den letzten Jahren gelernt haben, bis zur Rente eine sichere Grundlage für Ihre Arbeit sein wird. Qualität abliefern kann nur derjenige, der stets auf dem Laufenden bleibt. Auch Sie haben in Ihren jungen Jahren schon erlebt, wie schnell die Entwicklung voranschreitet, wie rasch Kenntnisse und Fertigkeiten veralten können. Nur diejenigen bleiben an der Spitze, die bereit und fähig sind, immer weiter zu lernen – ein Leben lang!

Wie nötig wir Ihr Engagement brauchen, mögen zwei Zahlen aus dem Ammerland verdeutlichen: Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe bei uns wird von 1200 in diesem Jahr bis zum Jahr 2012 auf rund 600 absinken, dennoch haben etwa 50 Prozent der Betriebe noch keinen Hofnachfolger! Vielen Menschen ist überhaupt nicht klar, was das für unseren Landkreis bedeutet – und zwar weit über die Landwirtschaft hinaus: Wer will denn die Landschaftspflege, die die Landwirte heute weitgehend kostenlos für uns erledigen und die das Ammerland zu einem attraktiven Tourismusgebiet mitgestaltet hat, in Zukunft übernehmen? Welche Kosten werden auf uns zukommen? Wer wird diese Kosten tragen? Nein, es gilt diesen Trend, wenn schon nicht zu stoppen, dann vernünftig zu gestalten!

Ihre Mitarbeit ist dabei gefragt, ob im Landvolk, im Gemeinderat, im Kreistag und weit darüber hinaus. Die im Jahre 2006 stattfindende Kommunalwahlen geben dazu eine gute Chance! Und Sie müssen wissen: Wo Sie Ihre Stimme nicht im Konzert der Meinungen auch öffentlich und lautstark erheben, da werden Sie nicht gehört! Und wir brauchen Ihre Stimmen aus dem ländlichen Raum, wir brauchen die Stimmen aus der Landwirtschaft.

In diesen Tagen flimmert über unsere Fernsehschirme eine Kampagne unter dem Motto „Du bist Deutschland!“ Ich rufe Ihnen zu: „Sie sind das Ammerland!“ Bringen Sie sich bitte ein, nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern weit darüber hinaus für unsere Gemeinschaft. Nehmen Sie diese Herausforderung an, damit unser Landkreis Ammerland auch morgen noch eine blühende Parklandschaft mit zufriedenen Menschen sein wird!