Vortrag von Thomas Kossendey, MdB, beim
CDU-Gemeindeverband Edewecht, 3. Juni 2005
Rückschlag für die Europäische Union: Nach Frankreichs „NON“ haben
jetzt auch die Niederländer „NEE“ zur Europäischen Verfassung gesagt.
Aber wie geht es jetzt weiter? Zunächst muss die Europäische Union sich
die Zeit nehmen, um diese Ablehnungen in zwei Gründungsländern der EU
gründlich zu analysieren.
Verfassung retten
In Frankreich haben eher innenpolitische Gründe den Ausschlag gegeben:
Das Referendum war ein willkommener Anlass, die Regierung – die sich
für die Verfassung stark gemacht hatte – für ihre Wirtschafts- und
Sozialpolitik abzustrafen. Daher muss der Ratifizierungsprozess in den
anderen Ländern fortgeführt werden. Auf keinen Fall aber darf die
Verfassung jetzt nicht in Einzelteile zerlegt werden. Wenn man
versucht, nur einzelne Elemente zu retten, wird das ganze Werk zerstört
werden.
EU-Gipfel Mitte Juni
Die Staats- und Regierungschefs treffen sich wie geplant Mitte Juni zum
Gipfel in Brüssel. Erst dann wird mehr Klarheit über das weitere
Vorgehen erwartet. Alle Länder haben sich in einer Erklärung
verpflichtet, über die Lage neu nachzudenken, falls bis Ende 2006
mindestens vier Fünftel der Mitgliedstaaten den Vertrag ratifiziert
haben, in
einem oder mehreren Staaten jedoch Schwierigkeiten aufgetreten sein
sollten. Daraus lässt sich jedoch allenfalls eine politische, aber
keine rechtliche Verpflichtung zum Ratifizierungsverfahren ableiten. Es
gibt keinen Plan B.
Kommt „Nizza plus“?
Sollte sich abzeichnen, dass die Verfassung nach ersten negativen
Abstimmungen keine zweite Chance bekommt, werden die EU-Gremien über
ein „Nizza plus“ diskutieren. Die weiteren Optionen im Falle eines
Scheiterns der Verfassungsratifikation:
- Freiwilliger Austritt der Nicht-Ratifizierer
- Inkrafttreten der Verfassung nur in den Staaten, die sie ratifiziert haben
Eine Koexistenz zweier Verträge wäre allerdings weder mit dem Europarecht noch mit den nationalen Verfassungen vereinbar.
Über Europa reden
Egal, wie diese Beratungen ausgehen – eins muss sich auf jeden Fall
ändern: Es muss wieder mehr über Europa diskutiert werden. Die EU hat
es verpasst, die Bürger bei ihrem Veränderungsprozess mitzunehmen. Die
Bürger wünschen sich die EU als Bollwerk gegen die Globalisierung,
erleben die europäische Integration jedoch als Globalisierung im
Kleinen: Billigarbeiter kommen aus Polen, Arbeitsplätze wandern nach
Ungarn, Sozialstandards werden gesenkt – so sieht die selektive
Wahrnehmung vieler Bürger aus.
Insofern muss das Votum der französischen Bevölkerung ernst genommen
werden. Es ist Aufgabe der Politik – also unsere Aufgabe – wieder ein
Europa der Bürger zu schaffen. Die europäische Idee
wird nur dann weiter Erfolg haben, wenn sie auch von den Bürgern
verstanden wird. Und sie wird auch nur dann Erfolg haben, wenn wir die
Ängste und Sorgen der Menschen auch wirklich ernst nehmen. Wenn wir die
EU überdehnen und das Übermaß an Bürokratie nicht abbauen, wird uns das
nur schwer gelingen.
Wege aus der Krise
Die Entscheidungen in Frankreich und den Niederlanden führen die EU in
eine tiefe Krise. Die Verhandlungen über den neuen Finanzrahmen werden
sich verzögern, der Prozess der Erweiterung könnte neu diskutiert
werden.
Aus dieser Krise kann nur dann eine Chance entstehen, wenn mutige
Konsequenzen aus diesen Entscheidungen gezogen werden. Dazu gehört die
Festigung und Stärkung der bestehenden Europäischen Union. Dies sollte
Priorität vor voreiligen Erweiterungsschritten haben. Wenn die EU-25
mit fehlender Verfassung überstürzt erweitert wird, wird die Idee
Europas gefährdet und das Vertrauen der Bevölkerung verloren.