Thomas Kossendey

Der Mann, der Ihr Vertrauen verdient!

Thomas Kossendey
Trauerfeier für Parl Sts a.D. Ingrid Roitzsch 10. Februar 2011

Wir nehmen Abschied von einer bedeutenden Frau, geachteten Politikerin, ehrbaren schleswig-holsteinischen Bürgerin und nicht zuletzt liebenden Mutter und Ehefrau. Wir nehmen Abschied von Ingrid Roitzsch.

Lieber Herr Ulrich Roitzsch, liebe Frau Stössinger, lieber Herr Christoph Roitzsch, liebe Enkelkinder, verehrte Trauergemeinde,

als mich die Nachricht vom Tod von Ingrid Roitzsch erreichte, musste ich unwillkürlich an ihr Bild auf dem Flur vor meinem Büro in Berlin denken. Dort ist sie als ehemalige Parlamentarische Staatssekretärin in unserem Ministerium zu sehen und damit auch heute noch immer gegenwärtig.

Sie fällt allein deswegen schon auf, da in ihrem freundlichen Gesicht eine große Entschlossenheit deutlich zu erkennen ist.

Und dieser Charakterzug prägte ihr politisches Wirken und Handeln: „Doch mit dem Herzen allein kann keine verantwortliche Politik gemacht werden“ sagte sie einmal während einer Debatte im Bundestag. Und weiter: „Vielmehr ist die Vernunft maßgeblich für meine Entscheidungen.

Diese Grundeinstellung hat Ingrid Roitzsch immer vertreten – und dies in einer Zeit, in der Frauen in hohen politischen Ämtern noch eher selten zu finden waren. Dass deren Präsenz und politische Einflussnahme zugenommen hat, ist unter anderem auch ihr Verdienst. So setzte sie sich mit Nachdruck und Beharrlichkeit für Fragen der Emanzipation ein. Und weil es die Vernunft gebot – manchmal, auch gegen Widerstände in der eigenen Partei.

Dass das Mitte der 80’er Jahre keineswegs ein leichter Weg war, beweist unter anderem die folgende Begebenheit: Nachdem 74 männliche Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen Entschließungsantrag auf die Tagesordnung setzten, der nicht ihren Zielsetzungen und Überzeugungen entsprach, erreichte Ingrid Roitzsch, dass sie schlicht und ergreifend die Beschlussunfähigkeit des Bundestages feststellen ließ und damit das „Problem“ elegant aus der Welt schaffte.

Ihre gelassene Entschlossenheit und Hartnäckigkeit in der Sache beim Ringen um das bessere Argument, verbunden mit klarem Verstand und Zielstrebigkeit, durchzog ihr gesamtes politisches Leben. Entscheidungen – voller Gestaltungsdrang und Schaffenskraft – traf sie leidenschaftlich und vertrat sie dann mit großer Überzeugungskraft.

Nachdem Ingrid Roitzsch 1970 Mitglied der CDU wurde, gehörte sie ab 1971 dem CDU-Kreisvorstand Pinneberg und ab 1981 dem CDU-Landesvorstand in Schleswig-Holstein an. Von 1978 bis 1980 konnte sie als Kreistagsabgeordnete überzeugen und zog im selben Jahr als Abgeordnete in den Bundestag ein. Dort war sie von 1987 bis 1992 Parlamentarische Geschäftsführerin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Ich werde nicht vergessen, wie sie mich, als ich 1987 als Neuling nach Bonn kam, in die große Familie der Fraktion eingeführt hat. Ihr politischer Werdegang gipfelte 1992 in Bonn, als Ingrid Roitzsch am 8. April als Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung – unter dem gerade neu angetretenen Verteidigungsminister Volker Rühe – vereidigt wurde.

Als es für viele noch schwer vorstellbar schien, hat sie sich schon damals für einen freiwilligen Dienst und gleiche Aufstiegschancen von Frauen in der Bundeswehr eingesetzt. Die weitere Entwicklung unserer Streitkräfte hat Ihr Recht gegeben.

Auch die Verbesserung der sozialen Belange der Angehörigen unserer Bundeswehr waren ihr Auftrag und Herzensangelegenheit zugleich.

Während ihrer langen Zeit als Politikerin im fernen Rheinland, blieb sie aber auch ihrer Heimat stets treu verbunden. So hat sie sich vehement für den Erhalt der Marseille-Kaserne in Appen eingesetzt. Dass an diesem Standort die Unteroffizierschule der Luftwaffe untergebracht werden konnte, ist auch Ihr Verdienst.

Ingrid Roitzsch ging stets gradlinig ihren Weg, auch wenn dieser manchmal beschwerlich war – immer das Ziel klar vor Augen. Sie gab damit jahrzehntelang ein Beispiel und wurde so zum Vorbild – über alle Parteigrenzen hinweg.

Lieber Herr Roitzsch, liebe Frau Stössinger, lieber Herr Christoph Roitzsch, verehrte Trauergemeinde, Trost in diesen schweren Stunden zu spenden ist so unendlich schwer und ich bin mir bewusst, dass Worte alleine dies nicht vermögen.

Als kleines Kind, als ich mit dem Begriff des Todes nur Bedrohliches und Schreckliches verband, halfen mir Bilder in meiner Fantasie, Trost zu finden. Ein Bild, das mir die Seele in schweren Stunden stets erleichtert hat, habe ich Johann Wolfgang von Goethe zu verdanken:

Er sagte: „Mich lässt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe. Ist es doch so wie mit der Sonne: Wir sehen sie am Horizont untergehen, aber wissen, dass sie "drüben" weiter scheint.

Liebe Ingrid Roitzsch, ich verneige mich vor Dir.

Ruhe sanft in Gottes Frieden.