Vortrag von Thomas Kossendey MdB, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung und Vorsitzender der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe beim Forum für Interkulturellen Dialog (FID) Berlin e.V. am Dienstag, 02. Dezember 2008, 19:00 Uhr im Ernst-Reuter-Haus, Berlin.
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ich bedanke mich herzlich bei Ihnen für die Einladung zu dieser heutigen Veranstaltung, die eines der weniger bekannten, aber nicht minder bedeutenden Kapitel der deutsch-türkischen Beziehungen thematisiert. Von 1933 bis 1945 emigrierten mehr als 1000 Deutsche und Deutschsprachige in die erst wenige Jahre zuvor gegründete Republik Türkei, die als Verfolgte der Nationalsozialisten zum Verlassen ihrer Heimat getrieben wurden und Zuflucht im Land am Bosporus suchten. Wie wir anhand verschiedener Beispiele heute noch hören werden, hinterließen sie sichtbar ihre Spuren und prägten nachhaltig die deutsch-türkischen Beziehungen.
Viele Deutsche denken beim Thema „Arbeitsmigration“ und dem Austausch von Arbeitskräften vor allem an die Gastarbeiter aus der Türkei, welche die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg anwarb, um mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der damaligen Zeit fertig zu werden. Wenige nur wissen hierzulande, dass auch die Türkei sich gezielt um die Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte bemühte, um beim Aufbau der erst 1923 von Mustafa Kemal Pascha - vielen besser bekannt als „Atatürk“- gegründeten Republik Türkei zu helfen.
Seit der deutschen Reichsgründung 1871 waren die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Osmanischen Reich stetig gewachsen; bis zum Anfang der 1930er Jahre hatte sich Deutschland zum wichtigsten Wirtschaftspartner der Türkei entwickelt.
Infolge dessen kamen bereits in den 20er Jahren viele Deutsche in die Türkei, die beim Aufbau von Industrie und Armee eingesetzt wurden und Hilfen beim Aufbau der Ministerien Außen, Gesundheit, Landwirtschaft und Staatsbetriebe gaben. Die Türkei befand sich damals in einem umfassenden von Atatürk mit harter Hand durchgesetzten Modernisierungsprozess. Staatsgründer Atatürk hatte sich zum Ziel gesetzt, das Land in einen modernen Staat nach europäischem Vorbild umzuwandeln.
Ihre Hochphase erfuhr die Emigration deutscher Spezialisten in die Türkei jedoch erst mit der Zunahme der Judenverfolgungen in Deutschland: In den Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden in Deutschland massiv wichtige Grundrechte außer Kraft gesetzt und Menschen „nicht-arischer Abstammung“ ihrer beruflichen Grundlage beraubt. Als Folge verloren rund 2000 meist jüdische Wissenschaftler und Hochschullehrer ihre Anstellungen an den Universitäten; Andersdenkende - Sozialdemokraten, Sozialisten, Kommunisten - wurden aus dem Staatsapparat „entfernt“, und tausende Menschen sahen als Reaktion auf die zunehmenden Repressionen, Schikanen und Übergriffe der Nationalsozialisten keinen anderen Ausweg mehr, als ihr Land zu verlassen.
Die junge Republik Türkei hatte zu dieser Zeit bereits eine Reihe wichtiger Erneuerungen umgesetzt, darunter die Übernahme des lateinischen Alphabets 1927 oder die Einführung des Frauenwahlrechts. Folgen sollte die Reform der türkischen Universitäten. Dabei setzte die Türkei stark auf die Expertise der entlassenen deutschen Wissenschaftler, obwohl sie weiterhin diplomatische Beziehungen zum Deutschen Reich hielt.
Im Juli 1933 unterschrieb der Frankfurter Professor Philipp Schwartz im Namen der im April in Zürich gegründeten „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“ einen Vertrag mit dem damaligen türkischen Erziehungsminister Resit Galip, der die Anstellung von 30 deutschen Wissenschaftlern an der neu gegründeten Universität Istanbul zum Inhalt hatte. Die Wissenschaftler verpflichteten sich, schnellstmöglich Türkisch zu lernen und innerhalb weniger Jahre ausschließlich auf Türkisch zu lehren und zu publizieren.
Bei diesen 30 ist es nicht geblieben. Mehrere Hundert deutsche und deutschsprachige Emigranten und ihre Familien siedelten auf ausdrückliche Einladung Atatürks bis 1945 in die Türkei. Sie waren Fachkräfte und Experten nicht nur aus der Wissenschaft, sondern auch aus den Bereichen Verwaltung, Wirtschaft, Verkehrswesen, Medizin und Bergbau, Kunst, Musik und Theaterwesen. Sie sollten beim Aufbau von Ministerien nach westlichem Vorbild helfen, den Straßen- und Städtebau unterstützen, die Hochschulen modernisieren und europäische Musik und Theater etablieren.
Unter diesen Neuankömmlingen, die allenthalben mit offenen Armen aufgenommen wurden, finden sich Personen, die sich noch heute großer Berühmtheit erfreuen:
Die Liste großer Persönlichkeiten und ihrer Werke ließe sich noch umfassend erweitern.
Die Türkei hat den in ihrer Heimat mit dem Leben bedrohten Wissenschaftlern großartige Chancen geboten. Sie wurden jedoch – das muss ich auch deutlich sagen - nicht aus rein humanitären Gründen aufgenommen, sondern weil sie besondere Fähigkeiten mitbrachten. Auch wenn das Osmanische Reich über Jahrhunderte wiederholt zur Zuflucht europäischer Juden wurde und diese unter dem Schutz verschiedener Sultane weitreichende Rechte und Freiheiten genossen, so war die Türkei vor und während des zweiten Weltkriegs doch kein generelles Exilland für verfolgte Juden. Vielmehr scheiterten mehrere Vorstöße von jüdischer Seite, die Türkei zur Aufnahme einer größeren Anzahl jüdischer Flüchtlinge zu bewegen – bspw. 1933 vonseiten des jüdischen Lyzeums in Istanbul, das von Ministerpräsident Inönü vergeblich eine Erlaubnis für die Einreise von jüdischen Ärzten und Apothekern erwirken wollte.
Die weniger bekannten und geringer qualifizierten jüdischen Migranten - darunter Gewerbetreibende und Handwerker, aber auch Ärzte oder Lehrer, - hatten in ihrer neuen Heimat schwierigere Ausgangsbedingungen. Die Ausübung ihrer Berufe war ihnen aufgrund des Berufssperrgesetzes von 1932, das Ausländern eine Arbeitsgenehmigung für die meisten Berufe verwehrte, häufig sehr erschwert oder sogar unmöglich gemacht. Neue türkische Gesetze nach 1935 zur Verringerung der Zahl ausländischer Beschäftigter in verschiedenen Sektoren schränkten die Arbeitsmöglichkeiten zusätzlich ein. Die Lebensbedingungen waren oftmals entsprechend schwierig. Hinzu kam die Angst vor Ausweisungen: Seit 1938 war es türkischen Behörden grundsätzlich untersagt, Personen ohne gültigen Pass Visa für die Einreise in die Türkei zu erteilen oder deren Aufenthaltsgenehmigungen zu verlängern. Dies betraf auch europäische Juden, die von ihren Heimatregierungen zunehmend zwangsausgebürgert wurden.
Die Situation der Juden in der Türkei war jedoch – das möchte ich ausdrücklich betonen – zu keinem Zeitpunkt mit der in den Teilen Europas zu vergleichen, die von den Nationalsozialisten besetzt waren. Antijüdische Propaganda, wie sie die Nationalsozialisten verbreiteten, stieß in der türkischen Öffentlichkeit auf deutliche Ablehnung. Auch widersetzte sich die Türkei stets dem Drängen Deutschlands, die eingewanderten jüdischen Wissenschaftler durch linientreue Nazis zu ersetzen. Dass ein so junger Staat wie die Republik Türkei es wagte, einer der wichtigsten europäischen Mächte seiner Zeit die Stirn zu bieten und sich nicht - wie die Mehrheit der Staaten Europas - in allen Punkten stillschweigend zu arrangieren, ist nicht hoch genug zu achten. Erinnern möchte ich an dieser Stelle an drei mutige Menschen wie dem damaligen türkischen Generalkonsul Necdet Kent in Marseille und dem Vizekonsul in Rhodos Selahattin Ülkümen. Innen ist es gelungen, mehrere Hundert türkische Staatsbürger jüdischen Glaubens vor dem sicheren Tod zu bewahren.
Mit wenigen Ausnahmen ist die Mehrheit der jüdischen Emigranten nach dem Krieg nach Deutschland zurückgekehrt. Wie nachhaltig diese Zeit aber die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei auch heute noch prägt, zeigt die Tatsache, dass mit Ernst Reuter einer der berühmtesten Emigranten seiner Zeit Namensgeber für das derzeit umfassendste Projekte im Bereich der Auswärtigen Kulturpolitik ist. Unter dem Dach der Ernst-Reuter-Initiative für Dialog und Verständigung zwischen den Kulturen, 2006 gegründet, laufen zahlreiche Projekte in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und Jugendaustausch, Wissenschaft und Medienkooperation sowie Integration zusammen. Ziel und Zweck ist es, Vertreter von Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien in bilaterale Projekte einzubinden, die zum Abbau von Vorurteilen beitragen.
An das Erbe von Ernst Reuter und zahlreichen anderen können und sollten wir heute anknüpfen - nicht aus dem Zwang der damaligen Zeit heraus, sondern aus der Erkenntnis, dass die Freundschaft zwischen Deutschland und der Türkei für beide Seiten einen Gewinn bringt. Mehr noch: Das Wissen über die wechselseitige Geschichte und genaue Kenntnisse über Kunst, Kultur, Religion und Mentalität des jeweils anderen sind wichtig für das Miteinander von Türken und Deutschen in Deutschland und in der Türkei.
Und so wollen wir mit dieser heutigen Veranstaltung auch nicht nur die wechselseitige Rolle würdigen, welche die deutschen Emigranten für den türkischen Staat und umgekehrt die Türkei für das Leben der Wissenschaftler und ihrer Familien spielte. Vielmehr sollten wir auch positive Impulse geben für die Zukunft der Zusammenarbeit unserer beiden Länder auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Kultur oder der Politik. In diesem Sinne wünsche ich uns eine angeregte Diskussion und ganz allgemein einen interessanten Abend!
Vielen Dank!