Thomas Kossendey

Der Mann, der Ihr Vertrauen verdient!

Thomas Kossendey
Gedenkrede zum Volkstrauertag am 13. November 2011 im Staatstheater Oldenburg
 
Am heutigen Tag gedenken wir all der Menschen, die durch Krieg, Terror und Gewalt ihr Leben verloren haben. Dies gibt Anlass inne zu halten und über historische Erkenntnisse, gemeinschaftliche Erfahrungen, aber auch persönlich Erlebtes zu reflektieren.
 
Bei der Vorbereitung auf die heutige Ansprache, erinnerte ich mich an einen an meine Mutter gerichteten Wehrmachtsbrief aus dem Jahr 1944. Darin wurde ihr mitgeteilt, dass mein Vater an der Front in der Nähe von Antwerpen vermisst werde. Gott sei Dank stellte sich Monate später heraus, dass Ihr Mann in englische Gefangenschaft geraten war, aus der er im August 1947 wohlbehalten zurückkehren konnte. Ihre damaligen Tagebucheintragen zeigen mir aber auch über 60 Jahre später noch, was die Nachricht vom möglichen Verlust eines geliebten Menschen bedeuten kann.
Mit Tod und Leid von Krieg und Gewalt wurden wir durch zwei verheerende Weltkriege mit ihren unsäglichen Folgen konfrontiert. Aber auch seitdem – und leider bis in unsere heutigen Tage – holen uns die Bilder von Tod, Elend und Zerstörung immer wieder ein.
Dabei denke ich – gerade als ein Verantwortlicher für die Bundeswehr –  an die in den vergangenen Jahren in Afghanistan gefallen deutschen Soldaten, von denen einige auch aus unserer unmittelbaren Nachbarschaft kamen. Ich erinnere uns an die in Kunduz und Mazar-e-Sharif Gefallenen der Oldenburgischen Luftlandebrigade 31.
Die Bilder des bewegenden Abschieds im vergangenen Jahr sind mir noch deutlich vor Augen. Ich verneige mich vor Ihnen und allen Opfern der Kriege der Gegenwart in stillem Gedenken.
Vergessen dürfen wir aber auch all diejenigen nicht, die an Leib und Seele verwundet zurückkehren und über Jahre, mitunter ein ganzes Leben lang, an den körperlichen und psychischen Folgen zu leiden haben. Genauso trifft es die Angehörigen, die vom Tod oder der Verwundung ihrer Familienmitglieder betroffen sind. Auch ihnen gilt unser tief empfundenes Mitgefühl.
Der Volkstrauertag wurde im Jahre 1920 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eingeführt. Zu den acht Gründungsmitgliedern zählte auch der Oldenburger Dr. Emmo Eulen. Dieser Volkstrauertag diente zunächst dem Gedenken an die Toten des Ersten Weltkrieges. Die, die verschont geblieben waren, wollten allen, die persönliche Verluste zu beklagen hatten, ein Zeichen der Verbundenheit geben.
Dabei blickten die Verantwortlichen bereits damals schon – in einem noch von Feindbildern geprägten Europa – über das eigene Volk und die eigene Nation hinaus.
Für die Initiatoren des Volkstrauertages waren Verständigung und Versöhnung Anliegen und Perspektive für die Zukunft.
Diese Aspekte stellte deshalb Reichstagspräsident Paul Löbe anlässlich der ersten offiziellen Feier des Volkstrauertages 1922 im Deutschen Reichstag aus gutem Grund in den Mittelpunkt seiner Rede.
Nachdem der Gedenktag durch die Nationalsozialisten, nicht ohne Zutun des Volksbundes, im Sinne ihrer menschenverachtenden Ideologie vereinnahmt worden war, wurde dieses Ansinnen ins Gegenteil verkehrt. An die Stelle der Trauer um die Opfer trat ein unhinterfragtes Heldengedenken.
Statt die Bereitschaft zu Frieden, Versöhnung und Verständigung zu stärken, rückte die Erhöhung von Wehrwillen und Kampfbereitschaft in den Mittelpunkt.
Erst nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland konnte das ursprüngliche Anliegen dieses Gedenktages wieder aufgegriffen werden. Es war im Übrigen hier in Oldenburg, wo sich vom Krieg zerstreute Mitglieder des Volksbundes zusammengefunden und 1946 eine erste provisorische Geschäftsstelle errichtet haben.
Zwei Jahre später konnte dann in Bremen erstmals wieder ein Volkstrauertag in der bis 1932 üblichen Form durchgeführt werden.
„Völker entsaget dem Haß
– Versöhnet Euch, dienet dem Frieden
– Baut Brücken zueinander!“
Dies ist die Botschaft deutscher Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. In Form einer Gedenktafel haben sie diesen Auftrag 1967 an der Gedächtnisstätte des Lagers Friedland angebracht.
Ein gutes Jahrzehnt nachdem die letzten deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten aus sowjetischer Haft nach Deutschland zurückkehren konnten, wurde hier ein gemeinsamer Erinnerungsort feierlich eingeweiht.
Diese Friedensbotschaft, die sie uns hinterlassen haben, bleibt zeitlos gültig. Sie ist Mahnung und Anspruch auch für unsere Generation, auch am heutigen Volkstrauertag. Sie mahnt, die Opfer von Krieg und seinen Folgen nicht zu vergessen.
Sie bleibt eine Aufforderung an uns alle, die Hoffnung auf eine Zukunft frei von Hass und Gewalt nicht aufzugeben. „Hoffnungslosigkeit“, wie der Oldenburger Karl Jaspers feststellte, „sei schon die vorweggenommene Niederlage“.
Daneben werden wir aufgefordert unsere Verantwortung für diese unsere Zukunft beherzt anzunehmen und mit Leben zu erfüllen.
Von zentraler Bedeutung – und darauf möchte ich ganz bewusst hinweisen – scheint mir das, aus der Erinnerung der Schrecken des Krieges gewonnene, zivile Verständnis des Volkstrauertages.
Es geht am heutigen Gedenktag um die Besinnung auf den Wert des Friedens, das Nach- und Überdenken der Folgen von Gewalt und der sie auslösenden Gewaltspirale.
Welche Schlüsse ziehen wir daraus für die Zukunft?
In Anlehnung an die Friedenbotschaft der Kriegsheimkehrer, geht es um einen Dreiklang aus Gedenken, Hoffnung und Verantwortung:
Um das Gedenken an die Opfer, unsere Hoffnung auf ein Leben ohne Gewalt und unsere Verantwortung für ein friedliches Miteinander – in unserem eigenen Land, aber auch im Verhältnis zu unseren Nachbarn in Europa und für das Zusammenleben der Völker der Welt insgesamt.
Trotz der längsten Friedensperiode in unserer deutschen Geschichte seit dem 30-jährigen Krieg, tun wir auch heute noch gut daran, die schrecklichen Ereignisse gerade des letzten so verheerenden Weltkrieges nicht auszublenden und unserer Toten dieses Krieges zu gedenken. Wir tun dies, auch wenn wir Sie nicht gekannt haben, wenn wir kein Wissen über ihren Charakter, ihre Absichten, ihre Geisteshaltung und ihr Verhalten haben.
Wir gedenken ihrer, da uns der Tod jedes einzelnen im Kriege mahnt, dass hier ein Leben ausgelöscht wurde, weil Völker und Politiker nicht willens oder nicht in der Lage waren, Wege des Ausgleichs, der Verständigung und der Menschlichkeit zu finden.
Der Blick des Volkstrauertages reicht über die Ereignisse der beiden Weltkriege und ihrer Nachwirkungen hinaus. Wir erinnern uns heute auch an alle weiteren Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Der heutige Tag, ist kein Tag ausschließlicher historischer Reflexion. Er ist auch 66 Jahre nach dem Krieg noch zeitgemäß. Denn wir werden immer noch und immer wieder mit den Kriegen und der Gewalt unserer Tage konfrontiert.
Zahllose Menschen sind auch in diesem Augenblick Opfer von Willkürherrschaft und Gewalt. Gewalt, die wiederum von Menschen ausgeübt wird. Menschen, die durch das Ausleben von gewalttätiger Macht, unter Missachtung des Lebens und unter Missachtung der Grundsätze der Mitmenschlichkeit, zu Tätern werden.
Davon betroffen sind – auch daran sollten wir heute denken – auch diejenigen, die als Helfende in den Kriegs- und Konfliktgebieten unserer Welt mitwirken, Not und Elend zu mindern, um ein Leben unter Achtung der Person und ihrer Würde zu ermöglichen.
Das sind die vielen staatlichen und nicht-staatlichen Entwicklungshelfer, aber – wie eingangs angesprochen – auch unsere Soldatinnen und Soldaten, die mutig denen entgegentreten, die durch Gewalt ein friedliches Zusammenleben in selbstbestimmter Freiheit verhindern.
Wenn auch heute noch hoffnungsfrohe Lebensplanungen und Lebensentwürfe durch Kriege zerstört werden, bedarf es des Mitgefühls und wahrhaftiger Gesten der Solidarität, damit neue Hoffnung aufkeimen kann.
Durch Worte und tätige Hilfe muss deutlich werden, dass Feindschaft und Hass überwindbar sind und Aussicht auf ein Leben ohne Gewalt und Unterdrückung besteht.
Wenn Sie einmal in die glücklichen Augen afghanischer Kinder geschaut haben – so wie ich dies mehrfach bei meinen Besuchen in Afghanistan erleben durfte – spüren Sie, was Hilfe im Kleinen bewirken kann.
Beim letzten Benefizkonzert hier auf dem Rathausplatz in Oldenburg im Juli diesen Jahres wurden Spenden gesammelt, die u.a. in den Wiederaufbau und die Ausstattung von Schulen oder Einrichtungen der Gesundheitsvorsorge in Afghanistan fließen.
Damit leisten wir alle – neben der staatlichen Hilfe zum Wiederaufbau – einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Entwicklungschancen und damit letztlich für einen dauerhaften Frieden. Humanitäre Projekte, unabhängig wo und von wem sie initiiert werden, bilden den Kern dieser tätigen Hilfe.
Wir leben in einer Welt, in die Krieg, Gewalt und Unterdrückung in den verschiedensten Formen immer noch existent sind. Wenn den davon Betroffenen Hoffnung auf eine bessere Zukunft gemacht werden soll, ist unsere Solidarität und unser über Grenzen hinweg reichendes Mitgefühl gefordert.
Das schulden wir auch der Erfahrung und der dankbaren Erinnerung an die unserem Volk nach Beendigung des letzten Weltkrieges von anderen erwiesene Hilfe.
Die Menschen in den durch Krieg und Gewalt geschundenen Ländern benötigen eine über aktuelle Schlagzeilen hinausgehende Aufmerksamkeit und unsere tatkräftige, nachhaltige Unterstützung.
Denn die Folgen der nicht durch die Natur, sondern durch den Menschen selbst bewirkten Katastrophe von Krieg und Gewalt überdauern häufig Generationen.
Krieg und Gewalt sind nicht naturgegeben. Krieg ist eine Geißel, die durch die Charta der Vereinten Nationen geächtet ist und vor der die Menschheit bewahrt werden muss. Wir sind und bleiben aufgefordert, alles zu tun, was dem Erhalt des Friedens dient.
Wir stehen hier in einer Verantwortung, die wir nicht zuletzt gegenüber Gott, den Opfern dieser Kriege und ihren zum Frieden mahnenden Gräbern haben. Einem Frieden, der nur dann gewährleistet ist, wenn der Mensch in Würde, Freiheit, Recht und Gerechtigkeit leben kann.
Mit guter, weitsichtiger Politik und glücklicher Fügung haben wir in einem zusammengewachsenen und auch politisch weitgehend geeinten Europa in den vergangenen Jahrzehnten Brücken bauen können. Brücken, die zwischen uns und unseren Nachbarn Freiheit und Frieden auf lange Sicht wahren sollen. Viele Gesten und Werke der Versöhnung haben dazu beigetragen.
Ein Symbol für die Freundschaft zwischen den Nationen sind auch die unzähligen Mahnmale der Soldatenfriedhöfe. Vor zwei Jahren durfte ich in Erinnerung an die Gefallenen der Schlacht am Kursker Bogen im Jahr 1943, die Gedenkstätte in Kursk-Besedino einweihen. Die Tatsache, dass Russen und Deutsche sich gemeinsam an den Gräbern treffen, um ihrer Toten zu gedenken, ist Beleg für die das gewachsene, partnerschaftliche Verhältnis beider Völker.
So leistet auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge eine wichtige und wertvolle Aufgabe. Mit Unterstützung vieler junger Menschen, die ihre Freizeit der Pflege der Gräber widmen, wird gegen das Vergessen angetreten. In Erinnerung um die Vergangenheit, lernen sie für die Zukunft und setzten damit ein unverzichtbares Zeichen.
„Der Preis der Freiheit bleibt Wachsamkeit! Wachsamkeit gegen extremistische Verführer im Innern und Wachsamkeit gegen Gefahren von außen.“, wie Bundespräsident Köhler anlässlich der Feier zum 50. Jahrestag der Rückkehr der letzten deutschen Gefangenen aus der UdSSR im Lager Friedland anmerkte.
Auch heute müssen wir sensibel sein gegenüber Unfreiheit und Rechtlosigkeit. Nur so werden wir dem Anspruch unserer Verfassung gerecht, die Menschenwürde zu achten und zu schützen.
Unsere Politik ist darauf gerichtet, Gewalt einzudämmen und Kriege zu verhindern. Unsere Außen- und Sicherheitspolitik versteht sich als Friedenspolitik.
Sie umfasst in einem breiten Ansatz diplomatische, wirtschaftliche, rechtliche, aber auch militärische Maßnahmen. Von gleicher Gewichtigkeit sind aber unsere sozialen, entwicklungs- und umweltpolitischen Anstrengungen. Politik ist heute gefordert, wo Krisen und Konflikte entstehen, den offenen Ausbruch von Krieg und Gewalt zu verhindern.
Ist Krieg und Gewalt bereits ausgebrochen, müssen sie rasch wieder beendet werden. Den vielfältigen Bedrohungen muss – möglichst präventiv – entgegen getreten werden.
In all den Fällen geht es darum, Bedingungen zu schaffen, die ein friedliches Miteinander ermöglichen und ein menschenwürdiges Leben in Freiheit und Gerechtigkeit gewährleisten können. Durch Achtung von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bemühen wir uns auf der Grundlage einer sozialen Marktwirtschaft, die Kluft zwischen arm und reich zu überwinden.
Je entschiedener wir Ausgleich, Versöhnung und Frieden auch in anderen Regionen der Welt fördern, umso größere Aussichten dürfen wir haben, dass auch bei uns Frieden und Freiheit gewahrt bleiben.
Dies sind die Schlüsse für die Zukunft – im Dreiklang aus Gedenken, Hoffnung und Verantwortung.
„Völker entsaget dem Haß
– Versöhnet Euch, dienet dem Frieden
– Baut Brücken zueinander!“
Die nicht an einen bestimmten Adressaten, sondern alle Völker der Erde gerichtete Friedensbotschaft der deutschen Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, ist eine Aufforderung zur Versöhnung und zum Dienst am Frieden.
Die Überlebenden des Krieges, die nach langer Zeit des Schreckens, Leidens und voller Entbehrungen langsam wieder Hoffnung gewinnen konnten, nehmen uns aus der Perspektive ihres besonderen Lebensweges hierzu in die Verantwortung.
Nehmen wir diese Verantwortung für den Frieden in der Welt an.
Hüten wir uns davor, durch ein Unterlassen jeglichen Engagements falsche Signale zu setzen. Auch wer nicht handelt, kann sich schuldig machen.
Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus unserer eigenen, leidvollen Geschichte mahnen uns und sollten uns befähigen, selbstbewusst und unabhängig zur Bewahrung von Freiheit und Menschenwürde und im Dienste des Friedens die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Mit Gottes Hilfe und unserem guten Willen werden wir das Werk der Versöhnung und Verständigung in Europa fortsetzen und dem Frieden auf der Welt dienen. Es gilt zu helfen, Hass zu überwinden, Versöhnung fördern und Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen. Dies mahnen uns die Toten.
 
Theodor Heuss sagte 1952 bei der Einweihung des Soldatenfriedhofs  im Hürtgenwald:
„Wenn wir in der Stille an den Kreuzen stehen, vernehmen wir ihre .... Stimmen:
Sorgt Ihr, die Ihr noch im Leben steht, dass Frieden bleibe, Frieden zwischen den Menschen, Frieden zwischen den Völkern.“
Gedenken wir unserer Toten in Ehren und empfehlen wir sie Gottes Barmherzigkeit.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!