Neues für Oldenburg und das Ammerland
Abschlussbericht meines Auslandsjahres von Anne-Lena Grobleben ( PPP 09/10 )
Am 08.08.09 ging die große Reise nach einer langen Zeit der Vorbereitung und Aufregung für mich los. Morgens um 6 Uhr brachte mich mein erster Flug von Bremen nach Frankfurt, wo ich auf die anderen PPP-ler traf. Rund zwanzig Stunden später holte mich dann meine vierköpfige Gastfamilie vom Flughafen San Antonio ab. Da mein Gastvater beim Militär war, hatte die Familie schon in verschiedenen Ländern gelebt. Auch andere Austauschschüler hatten sie schon gehabt. Seit einem Jahr hatten sie nun im Norden San Antonios, einer Millionenstadt in Texas, gelebt und freuten sich darauf, mich kennen zu lernen und viel mit mir zu unternehmen, um so auch selbst ihre neue Heimat etwas besser kennen zu lernen. Auf mich warteten sowohl zwei Gasteltern als auch ein 18-jähriger Gastbruder und eine 13-jährige Gastschwester, mit der ich mir ein Zimmer teilte.
Nun blieben mir noch zwei Wochen zum Einleben, bevor am 24.08.09 der erste Schultag an stand. Erstmal musste ich mich von dem Jetlag erholen, der mir noch in den Knochen steckte, doch dann war ich fit genug, meinen Alltag anzugehen und die Ereignisse zu genießen. Während der zwei Wochen kam noch mein anderer Gastbruder(21 Jahre alt), der in Florida studiert, mit seiner Freundin zu Besuch. Es wurde viel unternommen: Wir fuhren zum Alamo, einem berühmten Denkmal in der Innenstadt von San Antonio, gingen in den Zoo und schwammen im Pool meiner Gastfamilie. An einem Tag hatte meine Gastfamilie sogar eine Willkommensparty für mich organisiert, zu der Freunde und Bekannte auch aus der katholischen Kirche kamen.
Außerdem musste ich an meiner neuen Schule, der Madison High School, angemeldet werden, wo ich mit Hilfe einer Beratungslehrerin meinen Stundenplan wählte. Auch wenn ich zu meiner Enttäuschung nur als Neuntklässlerin gezählt wurde – in Deutschland wäre ich ja in die zehnte Klasse gegangen -, hatte ich fast freie Auswahl unter den Fächern und konnte meinen Stundenplan sehr nach meinen eigenen Interessen zusammenstellen. An der Madison High School werden aufgrund der großen Schülerzahl(3500 Schüler besuchen diese Schule) nämlich die unterschiedlichsten Fächer angeboten. Nach längerem Überlegen entschied ich mich für Englisch, Biologie, US-Geschichte, Tennis, Chor, Französisch auf Collegeniveau, Journalismus im ersten und Rhetorik im zweiten Semester und einen Mathekurs auf „vorbereitendem Collegeniveau“. Nach ungefähr acht Wochen wechselte ich jedoch in einen anspruchsvolleren Mathekurs, weil der Erste sehr einfach war und ich in Mathe den Stoff lernen wollte, der auch gerade in Deutschland in meinem Jahrgang durch genommen wurde.
In meiner Chorklasse blieb ich nur das erste Semester, dann durfte ich in den Chor für Fortgeschrittene wechseln, was mich besonders freute, da Chor das Fach war, das mir neben Tennis am meisten Spaß machte.
Mein Tenniscoach und die anderen Mädchen in meinem Team waren sehr nett und ich erlernte die Techniken dieser Sportart, die ich noch nie zuvor gespielt hatte, recht schnell. Im Tennisteam machte ich auch die meisten Bekanntschaften. Aber auch sonst waren die Leute sehr offen und vor allem interessiert, als sie von meiner Herkunft hörten. Ich lernte schon bald einige näher kennen, jedoch gelang es mir nicht, die meisten dieser Freundschaften aufrecht zu erhalten und sich öfters zu treffen, was etwas frustrierend war. Leider musste ich diese Erfahrung in Amerika häufiger machen. Aber im Allgemeinen bin ich in dem Jahr immer gern zur Schule gegangen und habe mich dort wohl gefühlt; der Unterricht an sich erscheint mir dort nicht so anspruchsvoll wie in Deutschland und ich konnte immer wieder den berühmten „School Spirit“ spüren.
In meiner Gastfamilie musste ich mich natürlich an viele Dinge erst gewöhnen, wie zum Beispiel an ein anderes Verhältnis von Ordnung im Haus und vor allem daran, dass ich mir ein Zimmer teilen musste. Weil weder meine Gastschwester noch ich Erfahrung darin hatten und wir uns ja außer durch ein wenig Emailkontakt vor meiner Anreise kaum kannten, dauerte es eine Weile, bis wir uns aufeinander eingespielt hatten.
Was mir jedoch auf Anhieb gefiel, waren die wöchentlichen Kirchgänge. Jeden Sonntag ging ich zuerst zur Kirchenbandprobe, wo ich Querflöte spielte, dann gab es einen einstündigen Gottesdienst, zu dem auch meine Gastfamilie kam und anschließend besuchte ich noch eine Jugendgruppe. Zwar habe ich meinen Glauben und meine Weltanschauungen während meines Auslandsjahres nicht wirklich verändert, aber ich habe in der Kirche viele andere, interessante Meinungen dazu gehört, wie man seinen Glauben leben sollte. Anfang September waren wir zum Beispiel auf einer Hochzeit in Oklahoma City eingeladen. Wir machten am Freitag nach Schulschluss einen vierstündigen Roadtrip dorthin und waren dann am nächsten Tag beim Hochzeitsgottesdienst und dem anschließenden Empfang dabei. Das ganze war eine nette Reise und ein interessantes Erlebnis, da die Hochzeit ganz anders, viel konservativer, gefeiert wurde, als ich es aus Deutschland kannte.
In der Schule schloss ich mich wie empfohlen einigen Clubs an, die nach dem Unterricht, der jeden Tag von neun bis 16 Uhr dauerte, stattfanden. Bis auf den „French Club“ waren diese Verbände allerdings nur anfänglich aktiv. Doch trotzdem blieb mir glücklicherweise kaum Zeit für Heimweh, da ich stets gut beschäftigt war: Ich wurde morgens früh zur Schule gebracht, weil mein Mathelehrer noch vor dem Unterricht Hilfe bei den umfangreichen Hausaufgaben anbot. Nach dem Unterricht blieb ich meistens noch etwas länger in der Schule für zum Beispiel ein Clubtreffen und ging dann nach Hause, wo ich Hausaufgaben erledigte und etwas aß. Einmal in der Woche musste ich auch wie meine beiden Gastgeschwister das Kochen des Abendessens übernehmen. An den Wochenenden traf ich mich mit Freunden, ging in die Kirche, und machte am Anfang gelegentlich „Volunteering“, d.h. zusammen halfen mein Gastvater, meine Gastschwester und ich bei Veranstaltungen beim Militär aus, oder die ganze Familie unternahm etwas zusammen. Auch die Austauschorganisation AYUSA vor Ort bot Aktivitäten an, die für alle Stipendiaten verpflichtend waren. So lernte ich auch viele andere Austauschschüler aus aller Welt kennen sowie meine erwachsene AYUSA-Ansprechpartnerin, die sich zum Ende hin als sehr offen und hilfsbereit erwies.
Allerdings schaffte ich es zuerst nicht, zu irgendjemandem ein vertrautes Verhältnis aufzubauen. Also war ich doch sehr auf mich allein gestellt und hatte erst niemanden, der mir half, die für mich fremde Kultur besser zu verstehen. Durch manche Verwirrung und Frust war ich gestresst und angespannt, was sicherlich durchaus mal passieren kann, wenn man mit einer scheinbar anderen Welt konfrontiert wird und sich dort einfügen muss, aber ich konnte damit nicht richtig umgehen. Doch glücklicherweise lernte ich irgendwann beim Tennistraining meine später beste Freundin, Veronica(„Roni“), kennen. Wir hatten bald ein enges Verhältnis und verbrachten viel Zeit miteinander, sodass es mir dann um einiges besser ging, da ich mich irgendwie noch mehr dazugehörig und verstanden fühlte. Nun genoss ich die neuen Eindrücke von meiner High School wie die letzten Footballspiele der Saison und den jährlichen Homecoming Dance, der an Halloween stattfand.
Im November führte meine Austauschorganisation die sogenannte „International Education Week“ durch, während der die meisten AYUSA-Austauschschüler in den USA Präsentationen über ihre Heimatlieder hielten, in der Schule, Kirche usw. Auch ich nutzte diese Gelegenheit, um Power-Point-Präsentationen über Deutschland in der Schule und einem nahe gelegenen Altenheim durchzuführen.
Nach der Präsentationswoche gab es eine Woche Ferien wegen Thanksgiving, des amerikanischen Erntedankfestes; ich genoss die freie Zeit und das traditionelle Essen an dem Feiertag.
Dann dauerte es nicht mehr lang bis zu den Weihnachtsferien und ich fuhr mit meiner Gastfamilie nach Kansas City, Missouri, um dort bei Verwandten Weihnachten zu feiern, nachdem wir ganz gegen die amerikanischen Traditionen schon am 22. Bescherung gehabt hatten, weil wir die Geschenke nicht auf die lange Reise mitnehmen wollten. - Es war toll, Zeit in der großen Verwandtschaft zu verbringen und wieder einen anderen Teil der USA kennen zu lernen. Wir konnten sogar eine weiße Weihnacht genießen und kosteten den Schnee voll aus, nächtliches Schlittenfahren mit den Cousins und Cousinen meiner Gastgeschwister inklusive. Nach den Feiertagen fuhren wir noch, bevor wir uns auf den Rückweg nach Texas, in ein etwas milderes Klima, machten, nach St. Louis, um den berühmten „Gateway Arch“(dt.: Torbogen) am Mississippi und das dazugehörige Museum über die Ausdehnung der USA nach Westen im 18. und 19. Jh. zu besichtigen.
Nach den Ferien wurden im Januar 2010 in allen Fächern „Final Exams“ geschrieben, in denen alles, was wir im Semester gemacht hatten, abgefragt wurde. Danach gab es Zeugnisse und ich bekam in allen Fächern ein „A“, die bestmögliche Note.
Als Höhepunkt des Monats wurde ich am 27. Januar 16 Jahre alt und erlebte einen tollen Geburtstag mit meiner Gastfamilie und Freunden. Mein Leben in Amerika hatte sich auch sonst gut eingespielt. Ich unternahm in meiner Freizeit viel mit Freunden, meiner Gastfamilie oder nahm an Ausflügen mit der Austauschorganisation teil. Außerdem fand im Februar noch ein Tenniscamp statt.
Anfang März fiel mir auf einmal auf, wie wenig Zeit mir noch blieb in den USA. Ich fing an, mehr und mehr nachzudenken und das Leben, das ich mir aufgebaut hatte, mit dem in Deutschland zu vergleichen, sodass ich während der letzten drei Monate meines Auslandsjahres häufig traurig gestimmt war, obwohl ein Highlight das nächste jagte:
Während Spring Break fuhr ich mit meiner Gastfamilie nach Florida zum Kennedy Space Center und nach Disney World, was sehr viel Spaß machte. Außerdem hatte meine Gastschwester an einem Tag Firmung, was wir in kleinem Kreis in der Familie mit den Paten feierten. An einem anderen Wochenende fuhren wir nach Dallas, um uns dort die Zeremonie zur Graduation meiner Gastmutter an zu gucken, die ihr Onlinestudium in Bibliothekswissenschaften beendet hatte.
Zusätzlich waren meine Wochen immer randvoll mit Schule, Unternehmungen mit Freunden oder Ausflügen und weiteren Veranstaltungen der Austauschorganisation.
Einmal nahm ich noch an einem Fundraising-Event der Amerikanischen Krebsgesellschaft teil, d.h. es wurde Geld gesammelt und gespendet und eine Nacht lang gegen die Krankheit gefeiert, wobei Überlebenden, noch Kämpfenden und Opfern gedacht wurde.
Im Tennis hatte ich mich soweit verbessert, dass ich nun an Turnieren teilnehmen konnte, worüber ich mich sehr freute, denn die Tennisturniere waren immer ein Erlebnis.
Vom Chor wurde am Ende des Jahres ein tolles 80er Jahre Konzert, die „80's-Popshow“, veranstaltet, in dem auch ich, sogar mit einem kleinen Solopart, mit sang. So endete das Schuljahr sehr ereignisreich – und sehr plötzlich. Es wurden wieder Abschlussarbeiten geschrieben und ich musste mich von vielen Leuten schon verabschieden, jedoch nicht von allen, da ich noch eine Abschiedsfeier hatte und noch zu einer Graduation Party ging.
Spontan fragte mich meine Betreuerin von AYUSA, ob ich nicht Lust hätte, mit ihrem Mann, ihr und deren Austauschschüler eine Woche mit nach Colorado zu Freunden zu fahren. Ich willigte ein, sodass ich auch noch die Rocky Mountains in Colorado Springs zu sehen bekam. Danach begann das große, teilweise sehr tränen- reiche Abschied nehmen, und ehe ich mich versah, saß ich schon im Flugzeug nach Washington zum Abschlussseminar für alle Stipendiaten. Zwei Tage später flog ich dann nach Deutschland zurück.
Ich denke, dass ich meiner Botschafterfunktion während des USA-Aufenthaltes gerecht werden konnte, indem ich zum Beispiel in der Kirche aktiv war und am Anfang des Jahres Volunteering gemacht habe, sodass ich vielen Leuten in positiver Erinnerung geblieben bin. Außerdem habe ich viele Gelegenheiten genutzt, um von meinem Land zu erzählen, wie zum Beispiel während der International Education Week. Oder ich habe als Final Exam in meinem Rhetorikkurs eine Rede gehalten, in der ich diplomatisch den Standpunkt der meisten Deutschen zur amerikanischen Gesundheitsreform vertreten habe. Im Allgemeinen war ich stets darauf bedacht, einen guten Eindruck zu hinterlassen und meinen Mitmenschen so viel wie möglich über Deutschland zu vermitteln.
In diesem einen Jahr habe ich natürlich einen umfassenden Eindruck in die amerikanische Kultur, Mentalität und völlig neue Denkweisen bekommen, die in gewisser Weise mein eigenes Denken und meine Lebenseinstellung beeinflusst haben. Ich habe sehr viel Zwischenmenschliches gelernt über die Bedeutung von Familie, Freundschaft und Vertrauen und über den Umgang mit Leuten, die ganz anders sind als ich. Dadurch, dass man in einem völlig neuen Umfeld lebt, lernt man auch sich selbst besser kennen, seine Stärken, Schwächen und Bedürfnisse. Man findet allmählich heraus, welche Werte eigentlich wirklich wichtig für einen sind. Ich hatte viele interessante Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und tollen Persönlichkeiten, mit denen ich hoffentlich noch lang in Verbindung bleiben werde. Ferner haben sich meine Interessen entwickelt, zum Beispiel ist Tennis zu einem meiner Hobbies geworden. Im Großen und Ganzen ist mein Aufenthalt in Amerika wahrscheinlich das Jahr gewesen, das mich in meinem bisherigen Leben am meisten geprägt hat.
Damit möchte ich mich herzlich beim Deutschen Bundestag und besonders bei meiner ehemaligen Wahlkreisabgeordneten Frau Gesine Multhaupt bedanken, die mir diese enorme Chance gegeben hat, sowie auch bei Herrn MdB Thomas Kossendey, der nach der Bundestagswahl 2009 die Patenschaft für mich übernahm.